Lernen durch Lehren
Geschrieben von Kirsten Bieker und Katharina Schulz,
Kommentierungen und Ergänzungen zum Altafulla-Projekt: Lars Prignitz
Inhaltsverzeichnis
1. Beschreibung der Methode
1.1 Die pädagogisch- anthropologische Komponente
1.2 Die fremdsprachendidaktische Komponente
1.3 LdL im Unterricht
1.4 Vor- und Nachteile der Methode
2. Berührungspunkte und Einsatzmöglichkeiten im Projekt „Altafulla“
2.1 Beispiel einer Einsatzmöglichkeit
1. Beschreibung der Methode
„Lernen durch Lehren“ (LdL) ist eine handlungsorientierte Unterrichtsmethode,
bei der Schüler lernen, indem sie sich gegenseitig unterrichten. LdL wurde für
den gymnasialen Anfangsunterricht in Französisch, aber auch allgemein für den
Fremdsprachenunterricht entwickelt und 1985 erstmals von Jean- Pol Martin
dargestellt. Heute kann LdL in allen Fächern, Schultypen und Altersstufen eingesetzt
werden.
Die Idee des LdLs bestand schon in der Antike. Hier waren es aber keine
pädagogischen Gründe, die das Konzept trugen, sondern ökonomische, um Lehrer
einzusparen. Somit wurde auch der Effekt, dass die lehrenden Schüler selbst davon
profitieren zunächst nicht mitbedacht. Erst Ende des neunzehnten Jahrhunderts, im
Rahmen der Reformpädagogik, wurde Schülern aus pädagogischen Gründen die
Aufgabe übertragen, Mitschüler zu unterrichten.
Das Konzept LdL hat eine pädagogisch- anthropologische und eine fremdsprachen-
didaktische Komponente.
1.1 Die pädagogisch- anthropologische Komponente
Die pädagogisch-anthropologische Komponente bezieht sich auf die Bedürfnispyramide von Maslow. Die Aufgabe anderen einen Wissensstoff zu vermitteln, soll die Bedürfnisse nach Sicherheit, nach sozialem Anschluss und sozialer Anerkennung sowie nach Selbstverwirklichung und Sinnfindung befriedigen.
Die Lerner bei LdL müssen die im Unterricht bereitgestellten, aber noch nicht geordneten Informationen, bewerten, gewichten und zu Wissen umformen. Dies passen die Lerner an ihre individuellen Lernwege, Geschwindigkeiten, Methoden und Hilfsmittel an. Somit kann auch die Lehrperson wichtige Einblicke in diese Lernprozesse der Schüler nehmen. Martin verweist auf die Struktur von neuronalen Netzen, in der durch intensive Interaktionen Problemlösungen entstehen. So wie das Lernen im Gehirn erfolgt, wenn durch anhaltende Zufuhr von Impulsen, dauerhafte synaptische Verbindungen zwischen den Neuronen aufgebaut werden, sollen zwischen den Schülern stabile Interaktionsstrukturen aufgebaut werden. Bleiben die Impulse oder Interaktionen aus, zerfallen diese Neuronenverbindungen wieder, bzw. die Schüler vergessen das Gelernte.
1.2 Die fremdsprachendidaktische Komponente
In der traditionellen Sprachdidaktik stehen drei Ansätze im Widerspruch zueinander.
1. Der kognitive Ansatz geht davon aus, dass der Schüler sich intensiv mit den
Strukturen einer Sprache, also mit Grammatik und Wortschatz, befassen muss,
um sie zu lernen. Hier bleibe also keine Zeit um die Sprache zu sprechen und zu
kommunizieren.
2. Der habitualisierende Ansatz geht davon aus, dass der Schüler nur dann
eine Sprache erlernt, wenn er ständig nachahmt und wiederholt, da nur so eine
Reflexbildung entstehe. Zur Grammatik und zur echten Kommunikation bliebe hier
keine Zeit.
3. Der kommunikative Ansatz geht davon aus, dass vorwiegend durch die Mitteilung
echter Botschaften gelernt wird. Hier ist die Vermittlung formaler Strukturen
eher zweitrangig und es wird eine hohe Toleranz gegenüber Fehlern aufgebaut.
LdL will die drei Komponenten zusammenführen. Die Schüler müssen also die
Inhalte kognitiv durchdringen, intensiv miteinander sprechen, um den anderen
den Stoff zu vermitteln und dadurch bestimmte Sprachstrukturen anwenden.
1.3 LdL im Unterricht
In der Praxis wird LdL ausschließlich als unterrichtsgestaltende Methode innerhalb
eines Klassenverbandes benutzt, also nicht im Klassenübergreifenden Unterricht.
Vor jeder Lerneinheit teilt der Lehrer den neuen Stoff in kleinere Abschnitte auf
die ganze Klasse auf und lässt die Präsentation innerhalb einer Unterrichtsstunde
von den Schülern vorbereiten. Bei den Präsentationen handelt es sich nicht um
Referate, denn die Schüler sollen den Stoff nicht nur vorstellen, sondern sind dafür
verantwortlich, dass ihre Erläuterungen während der Präsentation auch verstanden
werden. Sie können mit selbstentwickelten oder aus dem Buch ausgewählten
Übungen dafür sorgen, dass der Stoff eingeübt und verinnerlicht wird. Außerdem
sollen sie durch eine geeignete Prüfung den Lernerfolg evaluieren. Bei der
Vorbereitung, die im Unterricht stattfindet, gibt der Lehrer den einzelnen Lernern
oder Lerngruppen Impulse und Ratschläge. Am Ende der Vorbereitungsstunde liegt
ein neuer Unterrichtsstoff für mehrere Wochen vor. Während der darauffolgenden
Präsentationen achtet der Lehrer darauf, dass die Kommunikation gelingt und
interveniert bei Unklarheiten. Die Schüler moderieren den Unterrichtsablauf und
präsentieren den neuen Stoff, wobei sie durch einen Wechsel der Sozial- und
Arbeitsformen für einen motivierenden Unterrichtsverlauf sorgen. Die Vorstellung
eines Stoffabschnittes durch einen Schüler oder eine Schülergruppe soll 20 Minuten
nicht übersteigen. Die Effekte der Methode sind folgende:
•
Der Lehrer redet weniger.
•
Schwierige Stoffsequenzen werden aus Schülerperspektive beleuchtet,
dadurch gewinnt der Schüler einen seiner Art zu lernen entsprechenden
Zugang.
•
Da verschiedene Gruppen den Stoff vermitteln, setzen sich die Schüler
intensiver und vielseitiger mit ihm auseinander.
•
Die Hemmschwelle von Schüler zu Schüler ist geringer. Es fällt den Schülern
leichter, ihrem Unverständnis Ausdruck zu verleihen und um Erklärung zu
bitten.
•
Der Lehrer erkennt Verständnislücken der Klasse oder einzelner Schüler
schneller und hat Zeit und Gelegenheit, gezielt und individuell darauf zu
reagieren.
•
Das soziale Lernen wird gefördert, da die Schüler neue Rollen einüben und
sich häufiger einander zuwenden.
Für die Schüler ergeben sich bei der Vermittlung des Unterrichtsstoffes folgende
Handlungen und Verhaltensweisen:
•
Die Aufgabe den Mitschülern den Stoff zu vermitteln, bewirkt, dass die
Schüler nach dem Verteilen der Einzelaufgaben auf ein sehr anspruchsvolles
Ziel, nämlich die Präsentation vor der Klasse, hinarbeiten. Daraus entsteht
eine Motivation, die durchgängig bis zur Präsentation anhält. Allerdings ist
der Druck, sich mit dem Stoff intensiv zu befassen und das Risiko bei der
Stoffvermittlung zu versagen wesentlich größer als bei anderen offenen
Methoden.
•
Der Stoff muss durchdrungen und in seiner Komplexität im Blick auf
die Präsentation vereinfacht und strukturiert werden. Es muss eine
Präsentationsstrategie entwickelt werden.
•
Die Schüler müssen effektiv in der Gruppe arbeiten. Jeder muss
zuverlässig seine Aufgaben erfüllen. Sie lernen dabei nicht nur wie man
im Team arbeitet, sondern auch, wie man sich in die Mitschüler und ihre
Erwartungen hineindenkt, um eine motivierende Präsentation zu leisten.
Insgesamt wächst das Anspruchsniveau jedes Einzelnen an sich selbst und an seine
Mitschüler.
1.4 Vor- und Nachteile der Methode
Im Rahmen einer von Martin durchgeführten Befragung von 480 Lehrern im
Jahr 1993 wurden folgende Vor- und Nachteile der Methode angegeben:
2. Berührungspunkte und Einsatzmöglichkeiten im Projekt „Altafulla“
Bei dem Projekt „Altafulla“ wurde der Stoff, also die Neugestaltung der deutschen Webseite für den Ort Altafulla in kleine Abschnitte, bei uns die verschiedenen Reportagen- und Technikteams, aufgeteilt. Die Schüler haben sich im Vorfeld der Exkursion in Expertengruppen zu verschiedenen Themen informiert und diese erarbeitet. Ihre Ergebnisse wurden dann der ganzen Klasse in Form von Referaten vorgestellt. Hier hätte die Methode LdL zum Einsatz kommen können.
Der Lehrer teilt den Unterrichtsstoff in kleine Abschnitte auf und die Kleingruppen können möglichst selbstständig ihr Thema bearbeiten, wobei der Lehrer wenn nötig wichtige Impulse gibt. Die Schüler überlegen dann, wie sie das Thema strukturieren und gliedern können, damit die Präsentation leicht verständlich ist und die Mitschüler möglichst viel verinnerlichen können. Gerade bei der Vorbereitung auf die Präsentation und die Präsentation selbst liegen die Unterschiede zu normalen Referaten. Bei LdL sind die Schüler die etwas präsentieren dafür verantwortlich, dass ihre Mitschüler den Stoff verstehen, sie müssen Rückfragen stellen und durch eine geeignete Prüfung evaluieren, ob der Stoff verstanden wurde.
Somit setzen sich die Schüler stärker mit dem Stoff auseinander, da sie nicht nur vortragen, sondern Mitverantwortliche für den Lernerfolg ihrer Mitschüler sind. Bei dem Projekt „Altafulla“ hätte LdL also als Vorbereitung zur Exkursion ihren Einsatz finden können, man kann diese Vorbereitung aber auch als den Einstieg der Unterrichts- oder Projektreihe sehen.
Sie ist auch teilweise zum Einsatz gekommen. Siehe unten.
Im Folgenden wollen wir ein Beispiel für den Einsatz von LdL im Rahmen unseres Projektes geben, dafür konzentrieren wir uns auf die Gruppe der Stadtgeographen.



Im Prinzip habe ich bei der Planung bereits auf Elemente des LDL zurückgegriffen. Die Expertengruppen wurden gebildet, damit vor Ort die jeweiligen Gruppen als Experten fungieren können. Das hat auch teilweise funktioniert: So konnte die Gruppe, die in Köln bereits den Workshop zum Videofilmen gemacht hat, durch Ihre Vorkenntnisse Tipps geben. Auch einige Kenntnisse, die in den Erdkundereferaten erworben worden sind, tauschten die Schüler während der Exkursion aus - zwar nicht im Plenum, aber in Gesprächen untereinander und in den Kleingruppen (die nicht gleich der Expertengruppen in der Vorbereitung waren). Dies wurde von verschiedenen Begleitern beobachtet. Auch das ist "Lernen durch Lehren", denn die Schüler vertiefen ihr in den Referaten erworbenes Wissen.
Euer Ansatz gefällt mir aber sehr gut. Ich denke, es ist eine gute Idee, die Schüler während der Exkursion noch einmal in Situationen zu bringen, in denen sie im Plenum Ihr Wissen vertiefen. Auch die Idee, in den Vorbereitungsreferaten Lernen durch Lehren einzusetzen, halte ich für sinnvoll (im vorliegenden Fall blieb uns dafür aus unterrichtsorganisatorischen Dingen nicht die Zeit dazu - wir konnten nur Kurzreferate durchführen).
Ich würde die Methode übrigens nicht nur - wie in eurem Beispiel - auf das Halten von Referaten beschränken, man kann auch z.B. Expertengruppen bilden, die als Moderator in anderen Gruppen auftreten (wie im Projekt geschehen) - oder in Übungsstunden schwächere Schüler mit stärkeren Schülern gemeinsam arbeiten lassen.
Insgesamt ist die Methode Lernen durch Lehren beim Handlungsorientierten Unterricht sehr sinnvoll einzusetzen, denn auch hier werden die Selbstständigkeit der Schüler gestärkt und positive Abhängigkeiten untereinander gefördert.
Quellen:
•
http://de.wikipedia.org/wiki/Lernen_durch_Lehren
•
http://www.ldl.de/material/aufsatz/warum-ldl.pdf




















